Sozusagen ummantelt von dieser Original- und Kopie-Version erscheinen die beiden Holz-Lichtkästen im Raum, mit denen Bertram dezidiert auf den architektonisch sehr schwierigen Peiner Museumsraum reagiert. Die Decke besteht aus Milchglas- Lichtkuppeln, hat also Oberlicht, wie sich das für einen Ausstellungsraum im Museum gehört. Während alle Lichtkuppeln mit dem eingebauten Sonnenschutz dichtgemacht sind, bleiben zwei geöffnet, von der Erde an umbaut mit einem quadratischen Holzkasten. In Betrachterhöhe sind
Glasscheiben eingebaut, durch die man vier 88 ° -, also fast rechtwinklige, dreieckige, schrägliegende Spiegel sieht, die die Kuppel mit ihrem gedämpften Licht spiegeln. Man blickt also, vermittelt durch einen Spiegel, in den Himmel, der nun aber wiederum durch das Milchglas der Kuppel verfremdet ist. Himmel - was ist das? Und obwohl doch Milchglas einiges an Licht nimmt, erscheinen die beiden Kästen durch die relative Dunkelheit des übrigen Raumes als Lichtkästen. Lutz Bertram nennt sie „ Observatorien". Man denkt im ersten Augenblick wirklich (?), in den Kästen sei elektrisches Licht angeknipst. Zudem spiegelt sich nicht nur die Kuppel, sondern auch ein Teil der kompliziert eingeteilten Decke mit den versenkten Lichtleisten und die gefältelten Sonnenjalousien wie in einem Vexierbild. Dadurch spielt noch ein Op-art-Anteil mit hinein (kein wirklicher (?)
Künstler arbeitet ohne die Synthese aller vorausgegangenen Kunststile). Man blickt zudem in ungeahnte Tiefenräumlichkeiten, in den Raum hinein, obwohl man doch in den Himmel zu sehen meint. Komplizierteste Strukturen sind plötzlich zu erkennen, die sich einer schnellen Beschreibung entziehen. Man kommt verwirrt ins Grübeln über verschiedene Wahrnehmungsebenen: Was ist was? Was ist wirklich? Man weiß eigentlich gar nicht mehr, wo man steht, in jeder Weise. Welches ist die Wirklichkeit? Fakes and copies!
Und vielleicht läßt sich diese Beobachtung der Uneindeutigkeit durchaus auch von der Kunstebene auf die zwischenmenschliche Ebene ü bertragen. Wie nehmen wir uns selbst und unsere Mitmenschen wahr? Äußerungen sind fast nie eindeutig, es spielt soviel an schillernden Erfahrungen in ihnen mit, und nicht umsonst heißt es, da ß z.B. männliche und weibliche Wahrnehmung komplett unterschiedlich seien. Schade, daß diese Installation nur so kurzlebig sein darf, -aber das haben Installationen nun einmal so an sich - steckt doch eine ganze Philosophie in ihnen.
Lutz Bertram, der immer zwischen Fotografie und Bildhauerei schwankt (und wahrscheinlich in seiner Arbeit gerade dadurch soviel Spannung erzeugt), hat in den Vitrinen der Dauerausteilung, durch die man vom Foyer bis zum oberen Ausstellungsraum gehen muß , einige bildhauerische Arbeiten versteckt. Ob der arglose Besucher auf Anhieb merkt, daß ihm da etwas untergejubelt wird?
Täuschend in Bronze nachgeformte allägliche Dinge, eine Pizza „ Quattro stagioni" (Vier Jahreszeiten), abgeformt vom Original, jetzt also ein „ Fake", ebenso wie die von „ Original"-(Kaufhaus)- Ölgemälden abgebildeten Jahreszeiten-Bilder. Copy oder fake? Oder die beliebte Chianti-Flasche mit der Kerze oder das Gurkenglas mit Schlitz im Deckel „Für Getränke", wie man es bei Straßenfesten in Braunschweig manchmal antrifft, à la Raffael Rheinsberg (jedoch in einem ganz anderen Zusammenhang), alles in Bronze, wirklich und doch nicht.
Eine weitere größere Arbeit ist das Video „Ein Sonntag im April" im Foyer. Im leeren weißen Raum steht ein Fernseher mit ein paar Stühlen, wie es in Museen so beliebt ist. Doch sieht man auf dem Bildschirm beileibe keine belehrende Show, sondern ein ruhiges, sich fast nicht veränderndes Fernsehbild, d.h., wiederum einen Fernseher mit etwas Umraum, auf dem 240 Minuten sonntägliche Langeweile passieren: Die Bewegung im Bild geschieht nur in dem winzigen Ausschnitt des Fernsehschirms. Der Künstler zappte in unerträglich schnellem Rhythmus durch die Fernsehkanäle. Damit zwingt er dem Besucher 240 Minuten lang seine Sichtweise der Medien auf.
Lutz Bertram schafft es, daß der Betrachter ganz verwirrt aus der Ausstellung geht und nicht mehr weiß , was was ist. Er sortiert sein Wahrnehmungsgefüge. Er kann nicht glauben, was er sieht. Wirklich (?) nicht? Fakes and copies!