
Sehen Sie sich z. B. das Bild, das auf der Einladungskarte abgedruckt ist, daraufhin an. Im Zentrum des Bildes weht eine rote Fahne – oder ist es ein Notenständer, nein, es ist natürlich ein Glas mit Rotwein, das auf einem grau-weißen Ponton (oder ist es ein Sonnensegel??) mitten im Mittelmeer (oder ist nur ein schöner, hellblauer Tag??) steht und einladend leuchtet. Die Flagge des Feierabends ist gehisst, man mag ein schönes Glas genießen, Ferienstimmung, Griechenland, Italien, Spanien, was Sie wollen. Das wäre eine erste inhaltliche Annäherung, wenn Sie das brauchen. Das Bild hat eine bestimmte Stimmung in Ihnen ausgelöst, da können Sie weiterspinnen. Und meine wie auch Ihre Interpretation verrät vielleicht mehr über Ihre momentane Befindlichkeit als Ihnen lieb ist!
Betrachten Sie in diesem Bild auch die sparsam gesetzte Zeichnung mit dünnem schwarzem Strich, wie er auch in den anderen Arbeiten auftaucht, um die thematischen, gegenständlichen Chiffren zu be”zeichnen”, fast immer mehrdeutig, d. h. offen für den Betrachter.
Auch die Farbmaterialität ”paßt” in die Interpretation, sie erinnert an abbröckelnde Mauern, an die Wandmalereien in Pompej, an Kalksteinhöhlen usw., ihr wohnt eine gewisse Morbidität inne, die wir im Mittelmeerraum, im Urlaub, besonders lieben. Sie entsteht durch Farbschichtungen, die die Bilder so haptisch erscheinen lassen. Manchmal werden sie dadurch fast zum Relief. Aber Ermschel arbeitet nicht, wie andere Künstler des Informel, mit Sand oder sonstigen fremden Materialien, sondern benutzt als Farbpigment u. a. belgische Kreide, die er mit Leinöl vermischt und Schicht für Schicht setzt. So entstehen die rauen, fast bröckelnden, morbiden Oberflächen, die die Prozeßhaftigkeit im Zumalen des Bildes offen legen.
Nebenbei: fremde Materialien in Öl machen den Restauratoren heutzutage ziemlich viel Kopfzerbrechen. Bei Ermschels Bilder können Sie da unbesorgt sein, sie halten vieles aus, bekommen nur mit der Zeit eine Patina, was ihrer Schönheit keinen Abbruch tut. Frank Ermschel lässt den Betrachter teilhaben an seinem Arbeitsprozess, indem er die Leinwandränder nicht hinter Rahmen versteckt, sondern sie offen lässt (das ist im übrigen seine ganz besondere Art der Rahmung). Auf der Leinwand schimmert vorwitzig ein Rot, ein Orange, ein Grün unter den grauen Schichten hervor, die am Rand einsehbar bleiben, sonst aber immer wieder übermalt werden.