Claudia Fährenkemper

 

Rasterelektronenmikroskopie - Ein bildgebendes Verfahren unserer Zeit

In: Jörg Boström/Gottfried Jäger (Hrsg.): Kann Fotografie unsere Zeit in Bilder fassen?, Bielefeld, 2004

Bildgebende Technologien aus Medizin und Wissenschaft sind heute aus vielen Bereichen unseres Lebens nicht mehr wegzudenken, Forschungsbereiche wie z.B. Bio- und Nanotechnologie, MikroStruktur- und -Systemtechnik, Bionik etc. sind ohne sie nicht vorstellbar. Sie ermöglichen Einblicke in Bildwelten, für die unsere normale Sehkraft nicht ausreicht und sie sind Ausdruck unserer durch Technik und Wissenschaft veränderten Welt.

Ein Beispiel dafür ist das Rasterelektronenmikroskop (REM), das ursprünglich für die wissenschaftliche Forschung entwickelt wurde und auch heute noch dort sein wichtigstes Anwendungsgebiet hat. An die Stelle des sichtbaren Lichts tritt beim REM ein Elektronenstrahl, so dass die Grenzen der Beobachtung und Abbildbarkeit dadurch deutlich erweitert werden. Vor allem die enorme Schärfentiefe des REMs macht es möglich, dass wir die Mikroweit als präzises, detailreiches, plastisch-räumliches Bild sehen. Auch die speziellen "Lichtverhältnisse" durch unterschiedliche Reflektion der Elektronenstrahlen an
dünnen oder dicken, tiefer- oder höherliegenden Strukturen prägen wesentlich die Bildwirkung. Die Oberflächen der Objekte und ihre vielfältigen strukturalen Besonderheiten werden mittels des Elektronenstrahls abgetastet und leuchten schließlich aus dem Dunkel der Bildgründe heraus.

Die besondere Bildästhetik speziell technischer Natur mit einem "High-Tech Ambiente", das uns z.B. aus Science Fiction Filmen vertraut ist fordert die künstlerische Nutzung des REMs geradezu heraus, auch oder gerade weil sie bisher noch weitgehend unerforscht ist.

Für meine REM-Bilder benutze ich ein Hybridverfahren. Die Aufzeichnung des Bildgegenstandes geschieht auf digitalem Wege durch den Scanvorgang des Elektronenstrahls. Die Ausbelichtung des Bildes erfolgt dann mit einer an das Mikroskop gekoppelten Rollfilmkamera auf Schwarz-Weiß -Negativfilm. Der digitale Zwischenschritt bleibt unsichtbar, entscheidend für die Bildpräsentation ist letztlich die Qualität des Baryt-Prints. Da dies ein monochromes Verfahren ist, ist für mich eine fiktive farbige Gestaltung der Bilder - wie wir sie aus Magazinen kennen - nicht relevant. So entstehen autonome Bilder, die bei geringer Vergrößerung im Sinne einer vergleichbaren Morphologie funktionieren, bei höherer Vergrößerung und damit stärkerer Abstraktion aber zusätzlich auch andere Bedeutungsebenen erschließen. Als bildnerische Umformungen der Wirklichkeit konzentrieren sie Plastizität, Räumlichkeit und Materialiät der Objekte und machen diese fast sinnlich erfahrbar. Weder wissenschaftliche Illustration noch beliebige Deutung von MikroStrukturen ist mit ihnen beabsichtigt. Stattdessen geben sie Einblicke in Naturzusammenhänge und vermitteln eine Idee von der Vielfalt der Lebensformen. Die menschliche Dimension und die Frage nach der Position des Menschen im Naturgefüge werden dabei explizit mit einbezogen.

Erst durch Mikrofotografien wird die Mikroweit auf ein wahrnehmbares Maßvergrößert und erfahrbar. Ihre Verbreitung macht es möglich, über diese meist nur Wissenschaftlern zugänglichen Welten mit vielen Menschen zu kommunizieren.

Insbesondere REM-Fotografien erweitern deutlich unsere Bildsprache und Bildästhetik und verändern zugleich auch unsere Wahrnehmung. Anders als im meist sehr speziellen wissenschaftlichen Kontext reflektieren künstlerische REM-Bilder die zunehmende Technisierung unseres kulturellen und sozialen Daseins und Natur an sich und sind damit ein unersetzliches Erkenntnismedium unserer Zeit.