Ute Gärtner-Schüler

1963
geboren in Kirchheim/Teck
1980-85
Fotolaborantin
1985-88

Studium der Keramik an der Freien Kunstschule Nürtingen

1989-94
Studium der Keramik und Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei den Professoren Groß und Spagnulo
1991-92
Atelieraufenthalt in Berlin
1992
Heirat mit dem Künstler Ali Schüler
1993
Geburt des Sohnes
1995
Gemeinsam mit Ali Schüler 3jähriges Atelierstipendium des Landkreises Esslingen
2000
Geburt der Tochter
seit 1994
freischaffende Künstlerin, gemeinsames Atelier mit ihrem Mann Ali Schüler
Dozentin an der Jugendkunstschule Nürtingen
Lebt in Nürtingen
Ute Gärtner-Schüler
Ausstellung im Kreismuseum Peine, 9.10.-18.11. 2005
Ute Gärtner-Schüler arbeitet mit den „ewig weiblichen“, weichen Materialien wie Spitzendeckchen in allen Variationen, oft in Form eines Mandalas, Rüschen, Tüchern, Haaren und den weiblichen Techniken wie nähen, stricken, häkeln, flechten, und sie arbeitet ganz stark biografisch, führt ein künstlerisches Tagebuch, in dem sie ringt und meditiert und gleichzeitig ein Leben mit Künstlerehemann, zwei Kindern und der Brotarbeit des Kursegebens organisiert.
Frauen häkeln mit kleiner Geste und gebeugten Schultern, bringen ein mathematisch ausgeklügeltes Kunstwerk hervor, das aber nicht wirklich ernst genommen, eher abgetan wird, heute schon überhaupt, weil kaum noch jemand handarbeitet. In den 68ern und 70ern haben dann auch die Männer, d.h., die Studenten in den Hörsälen, das Stricken von Pullovern übernommen, - heute total aus der Mode!
Früher, als Frauen fast ausschließlich im Hause schalteten und walteten, durfte eine Frau niemals untätig die Hände in den Schoß legen. Das ging noch so bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Nach getaner Hausarbeit setzte sie sich zum lesenden Mann mit einer  Häkel- oder Strickarbeit für die Kinder dazu. Die Damen der gehobenen Gesellschaft leisteten dasselbe mit feinen Stickereien, manchmal auch, um sich das Warten auf den richtigen Mann zu verkürzen. Sie fertigten die schönen Stickmustertücher an, deren Vorlagen die Arbeitermädchen zum Wäschezeichen brauchten. Den Arbeitermädchen aber blieben nur die Stopfmustertücher, denn sie mussten mit Flickarbeiten Geld verdienen, je besser sie es lernten, um so mehr konnten sie zum kärglichen Familienunterhalt beitragen. Stick- und Stopfmustertücher finden Sie übrigens in der 1. Etage des Museums in der Ausstellungseinheit „Frauenfleiß“ wieder.
Die Farben dieser Ausstellung sind auf Weiß, Rot und Schwarz beschränkt. Dies bezieht sich darauf, wie die Farben den Frauen zugeordnet sind: Weiß für die Jungfräulichkeit, Rot für die Gebärfähigkeit und Fruchtbarkeit, Schwarz für die Weisheit der alten Frauen.

In ihre Arbeiten hat Ute Gärtner-Schüler viele persönliche Aspekte einfließen lassen, die aber jede(n) von uns betreffen.

Nehmen wir nur einmal das vielteilige Werk „Meine Freundinnen und ich“. Der Titel „Sex and the City“ in Anspielung auf die gleichnamige Kultsendung würde auch passen. Jedem „Busenporträt“ auf einem Notenblatt ist ein besonderes Material zugeordnet, dem vielfältige Assoziationen entspringen. Die langen abgeschnittenen Zöpfe erinnern z.B. daran, als man selbst endlich die langen Haare abschneiden durfte, das Tempotaschentuch bedeutet Trost bzw. Weinerlichkeit, je nach dem, eine Frau hat ein rotes, mit Nagellack gemaltes Gesicht voller Aggressivität. Eine Frau hat nichts anderes als Spitzendeckchen im Kopf (als Kopf), das ihr aber auch gleichzeitig einen Art Heiligenschein verleiht, denn die kreisrunde Form lässt an ein Mandala denken. Eine zeichnet sich durch einen Soll-und Haben-Stempel aus, sie ist die Abcheckerin. Jedes Bild erzählt eine eigene Geschichte. Je nach dem, welches Porträt man bevorzugt, lassen sich daraus Schlüsse ziehen auf die eigene Person und die eigene Befindlichkeit. Falls man (frau) sich aber nicht auf ein einziges Porträt einigen kann – auch gut, denn in einer Frau stecken viele Rollen.

Innen ist wie außen, oben wie unten und alles ist in allem - Ute Gärtner-Schüler zitiert hier Gedanken der Mystiker, mit denen sie sich auseinandersetzt. Diese Gedanken sind in allen Arbeiten wieder zu finden.

Passend auch auf das größte Werk der Ausstellung. Es hat drei Titel, weil die Künstlerin sich nicht mit sich selbst einigen konnte, „Dance floor“, „Mandala“, „Einatmen - Ausatmen“  und zeigt die vielen Facetten der Arbeit. Der mandala-runde Teppich besteht aus mit der Maschine aneinander genähten Einzelblättern und zeigt zahlreiche Abdrücke von Füßen, auch von Händen. Wie viele Menschen sind schon über diese Erde, auf dem sich der Teppich befindet, gelaufen! Darauf steht ein Schaukelstuhl und ein Schaukelpferdchen, Inbegriff von Muße und Entspannung, am besten ein Erwachsener mit einem Kind, Mutter oder Vater, auf dem Untergrund der gelebten Erfahrung. Und dabei wie beim Yoga ein- und ausatmen, zur Ruhe kommen durch den geführten Atem.

Die Reihe „Vormittagsbilder“ sind die Bilder einer berufstätigen Mutter mit zwei Kindern. Normalerweise arbeitet Ute Gärtner-Schüler nachts, weil sie da Ruhe hat, ungestört Musik hören kann, die ihr einen wesentlichen Arbeitsimpuls gibt – daher auch die Notenblätter und Musiktitel in vielen Arbeiten. Die „Vormittagsbilder“ entstanden, als die Kinder in der Schule waren, man hat nur eine begrenzte Zeit, in der etwas Bestmöglichstes entstehen soll. Also arbeitet man konzentriert, aber auch sehr auf die Situation bezogen, das tägliche Leben fließt somit schrankenlos in die Kunst mit hinein.
In den „Drei Songs“ (einer ist z.B. von Janis Joplin, der starken, aber selbst zerstörerischen Rockmusikerin) zeigt eine mit Kugelschreiber gezeichnete Bodybuilderin mit dicken Muskeln, unweiblich und abstoßend. Vorbild war eine russische Kollegin, die, um aus Russland herauszukommen, ihre Weiblichkeit ganz gezielt einsetze und dieses Verhalten Männern gegenüber lange nicht einstellen konnte. Irgendwann reichte es ihr und sie begann, ihren Körper zu verändern, um die Situation zu ändern, weg zu kommen von den Männern und ihrer Überangepasstheit. Damit ist die Bodybuilderin ein Symbol für Stärke und Veränderungsmöglichkeiten im eigenen Leben.

Eine große und wichtige Arbeit stellt das Diptychon mit dem Bibelspruch I. Könige 8,12 dar: „Die Sonne hat der Herr an den Himmel gestellt; er hat aber gesagt, er wolle im Dunkel wohnen.“ Mehr als zehn Jahre hat sich Ute Gärtner-Schüler mit diesen Bildern beschäftigt, viele Spuren ihres Lebens in den ständigen Übermalungen und Materialschichten hinterlassen, die auch beim Betrachter reiche Assoziationen hervorrufen.

Immer wieder drehen sich die Gedanken der sehr religiös erzogenen Künstlerin um Religion und was sie uns Menschen heute noch bedeuten kann. Gerade Künstler hinterfragen sehr oft vor allem kritisch den Sinn der Religionen, wenden sich auch gern von ihrem eigenen, in diesen Breiten meist christlichen Kulturkreis ab und schwärmen plötzlich z.B. für den Buddhismus. Aber warum? Warum wechseln? Damit entfernt man sich von seinen Wurzeln, von seiner Prägung, die die wenigsten von uns wirklich leugnen können.

Es gibt in dem Bild übermalte Straßen, auf dem Ute Gärtner-Schüler damals, als man die Straßen noch genau erkennen konnte, kleine Autos fahren ließ, dann als nicht mehr wichtig übermalte,  Knöpfe als Erinnerung an Familienwäsche, ein winziges Häuschen, in dem „der liebe Gott“ der Kindheit versteckt ist, usw. Gardinen sind eingearbeitet, die vor Blicken schützen sollen, verdecken, hinter der versteckt man aber auch auf die Außenwelt spicken kann.

Die Gardine entspricht der Übermalung, den Schichten des Lebens, die ein jeder Mensch im Laufe seines Lebens ansammelt, oft jahrlang vergessen und manchmal durch einen winzigen Akkord oder eine Assoziation plötzlich wieder präsent.

Strohsterne erinnern an Kindheit, als man die noch selbst bastelte, eingeklebte Wäschestücke, die an „große Wäsche“ denken lassen, mutieren zu Gebetsfahnen oder Trostläppchen. Im oberen Teil des weißen Bildes entziffert man mit Mühe den Text „Nie habe ich zu Euch gehört...“, da las die Künstlerin gerade Gabriel Marquez „100 Jahre Einsamkeit“, aber natürlich denkt man an Jesus und die Jünger, oder an den Schüler ohne Freunde, oder den Künstler, der nicht marktgängig arbeitet.

Im Bild findet sich der Körperabdruck der Künstlerin und auf dem anderen der ihres Mannes, getrennt, aber doch aufeinander bezogen wie im richtigen Leben, in dem der Künstlermann in dieser Künstlerehe einmal nicht dominiert, sondern partnerschaftlich und liebevoll begleitet. Die beiden Bilder sind nicht umsonst mit Haaren zusammen gebunden als Symbol der Verbindung zwischen diesen beiden, das Grenzen überwindet, aber auch die Bindung als solche sichtbar macht.

Die zwei Bilder, eins mehr weiß, das andere schwarz,  wie Tag und Nacht, oder Reinheit und Hölle, zeigen zudem symbolisch, dass der Schatten zum Licht gehört wie der Berg zum Tal, - jeder von uns weiß, dass das in jedem Leben und für jeden gilt.

Und so wohnt jedem Bild eine eigene Spiritualität inne, die es zu entdecken gilt. Wie es der todkranke, berühmte Maler Jörg Immendorff, der gerade eine große Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie hat, ausdrückte: „Der Künstler lädt sich auf, indem er immer wieder zum Beobachter wird. So wie auch der Betrachter ein Teil dieser Batterie ist, sich selbst mit einbringen muss, damit zwischen Werk und Betrachter etwas passiert. So gesehen gibt es in der Kunst keine Konsumenten, nur Aktivisten.“
Dr. Ulrika Evers, 8.10. 2005