Ulrike Herfeld

Die Malerin Ulrike Herfeld begleite ich nun schon mehr als 20 Jahre – seit ich sie zum ersten Mal in ihrem Atelier in Neuenrade besuchte, um sie in mein Buch „Deutsche Künstlerinnen des 20. Jh.s“ aufzunehmen, erschienen 1983.

Schon damals war ich von der Künstlerin, die an der Akademie in Karlsruhe studiert hat, fasziniert. Sie stand einem großen Haus vor, das 3. Kind war soeben geboren – all das tat ihrem enthusiastischem Schaffensdrang, ja, ihrem Schaffensrausch, keinerlei Abbruch. Malen als Fest, und hinterher Freunde um sich versammeln zum Diskutieren und Feiern – das ist ihr Ding. In all den Jahren - immer in Bewegung, immer für die Kinder da, für familiäre Verpflichtungen, und trotz mancher Unwägbarkeiten immer vergnügt, voller Lebensfreude, dem Gesellschaftlichen Tribut zollend, weil es sein muss. Aber eigentlich war das nie ihr Interesse, denn ihr Leben ist randvoll mit Malerei. Wie andere atmen, so malt sie.

Da kann sie Farbe an Händen und Füssen nicht stören, zeugt dies doch von der besessenen Arbeit im Atelier, der sinnlichen Freude am „Farbmatschen“. Männliche Künstler, z.B. in der Gruppe Cobra, bezeichnen sich in diesem Zusammenhang gern effektheischend als „Malschwein“, der Begriff wird vom Publikum ehrerbietig als Auszeichnung anerkannt. Manchmal habe ich das Gefühl, das trotz aller Emanzipation für malende Frauen nicht das Gleiche gelten darf. Die letzten Bilder sind meistens noch nicht ganz trocken, wenn Ulrike Herfeld sich – ungern! – losreißen muss zu unaufschiebbaren Terminen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Ich verrate kein Geheimnis, dass es beim Hängen der Bilder hier in diesen Räumen nicht anders war.

Beim Arbeiten ist sie das junge Mädchen von der Akademie geblieben, Alter spielt keine Rolle, die Ideen gehen ihr nie aus. Wir sehen hier fast 100 Bilder, und alle sind neu. Die Bilder scheinen ihr nur so aus dem Pinsel zu laufen, sie malt unentwegt. Andere schreiben Tagebuch, sie malt. Denn in ihren Bildern teilt sie sich und uns etwas aus ihrem Leben mit, bestimmte Lebenserfahrungen, Ereignisse, Spuren ihres persönlichen Lebens, die jedoch so oder ähnlich jeder von uns erlebt. Für sie ist Malen Mitteilung, Kommunikation mit dem Betrachter.

Es gibt Stilleben, einfache Gartenbilder, Römische und Vatikanische Gärten, Blumen wie die leidenschaftlichen „Flammenden Gladiolen“, Blütenbäume, Atelierbilder, und immer wieder Berliner Atelierblicke z.B. auf Schinkels Elisabethkirche. Seit vier Jahren gibt es dieses Berliner Atelier, und Ulrike Herfelds Bilder haben sich seitdem verändert, weiter entwickelt, auch, wenn die Handschrift die gleiche geblieben ist.

Die klassizistische Elisabethkirche, die an einen griechischen Tempel erinnert, steht als Metapher für das pulsierende Stadtleben außerhalb ihres Ateliers. Berlin ist Herfelds Geburtsstadt, deren reiche Kultur sie in vollen Zügen genießt, die aber trotzdem in Form der Kirche nur den Hintergrund ihrer Malerei abgibt. Im Vordergrund stehen und bleiben wie immer schon die Dinge des täglichen Lebens, mit denen sie sich umgibt: das Atelier mit mehreren Staffeleien, auf denen die oft gleichzeitig gemalten Bilder stehen und Glas oder Gläser mit Pinseln. Die spiegelnden Atelierfenster sind in manchen Bildern weit geöffnet und gleichzeitig hat sich die Künstlerin eingeigelt, steht das Malen an erster Stelle. Natürlich fehlt nicht die angenehme Seite des Lebens in Form von sommerlicher Zitronenlimonade im kühlen blauen Glaskrug, Gläser, Kaffeekanne und –tassen, immer wieder Blumen in allen Variationen, leuchtende Zitronenbäume, Briefe.

Alles drängt auf den Betrachter hin, scheint auf ihn zu zu stürzen, denn das Gesetz der Perspektive ist teilweise außer Kraft gesetzt. Die stürzenden Linien entwickeln eine starke Tiefenräumlichkeit. Manchmal ist das Dargestellte wie durch ein Fischauge gesehen, wodurch eine Verdichtung der Formen entsteht, die den zuerst neutralen Betrachterblick in den zentralen Punkt des Bildes, in den Mittelpunkt des Geschehens, hineinführt und bannt.

Ulrike Herfeld entwickelt hier u.a. das Konzept der italienischen Futuristen für sich weiter, das anstelle der optischen Bildeinheit die Vereinigung des zeitlichen Nacheinanders oder des räumlich Getrennten propagiert – Sinnbild und Inbegriff des prallen Stadtlebens im Gegensatz zur Neuenrader Beschaulichkeit. Das Phänomen der Bewegung und ihrer Dynamisierung in Industrie und Großstadt beschäftigt Ulrike Herfeld schon lange, als eine Synthese aus Zeit, Ort, Form und Farbe, wie sie bereits der italienische Futurist Umberto Boccioni forderte. Es geht ihr um die Simultanität des Lebens, der Seelenzustände, der Empfindungen, um eine Synthese von dem, woran man sich erinnert, und dem, was man sieht. Die Künstlerin teilt uns durch die Art der Anordnung der gemalten Dinge im Bildgeviert mit, dass für sie alles gleichrangig formiert, Symbole eines Künstlerinnenlebens, in dem patent alles unter einen Hut gebracht werden muss und wird.

Die Formen ihrer gemalten Gegenstände, betont mit kontrastreichem, lebendig-schnellem Umriss, reduziert sie auf das Wesentliche, überrascht aber mit der Detailgenauigkeit des Blicks. Deformierung nimmt sie – vor ihr schon die Expressionisten - als ausdruckssteigernde Entstellung in Kauf, um damit eine suggestive Ausdruckskraft zu erlangen, Spannung und Intensität zu kreieren. Dabei bedient sie sich ganz selbstverständlich aus der kunsthistorischen Stilkiste, die jeder, der an einer Akademie studiert hat, beherrscht und die bereits in ihrem kunstsinnigen Elternhaus gepflegt wurde.

Weit öffnet die Malerin ihr Atelierfenster, um leidenschaftlich das Leben, die Außenwelt, die Freiheit hinein zu ziehen, alles sich anzuverwandeln, denn an allzu vielem kann sie gar nicht teilnehmen, weil sie ja malen und leider auch bald wieder nach Hause muss. Pflichten rufen.

Die sinnliche, strotzende Farbigkeit spricht eine eigene Sprache. Mal dominiert das kühle, kräftige Himmelblau van Goghscher Schwertlilien in blauer Vase und blauen Gläsern die Szene, mal spielen energiegeladene sonnengelbe Zitronen bzw. Zitronenbäume die Hauptrolle, - da könnte man sich gleichermaßen in Rom oder Berlin wähnen. Aber man findet auch melancholische, lyrische, zarte, empfindsame Stimmungen, bei denen es nicht um die reale Wiedergabe eines Ortes geht.

Natürlich setzt Ulrike Herfeld die Farben für ihre Befindlichkeit ein, die wir gerne zu unserer eigenen machen können. Fast immer sind die Farbflächen verwischt, aufgebrochen in viele unterschiedliche Nuancierungen, in denen der Pinselstrich noch sichtbar bleibt und die Nähe zur gestischen Malerei, in der das Tun der Malerin ablesbar bleibt. Schnelles Arbeiten liebt Ulrike Herfeld, impulsiv, wie sie ist, ebenso, wie sie im Täglichen rasche Abfolgen und Bewegung liebt. Ruhe und Stagnation sucht man bei ihr vergebens, alles muss im Fluss bleiben.

Und so dürfen wir diese beschwingten, swingenden Atelier-Stadtbilder, die ich beispielhaft für die vielen anderen ausgewählt habe, als Sehnsuchtsbilder lesen: eine Sehnsucht nach der vielfältigen Kultur, der Schönheit frisch restaurierter Kulturdenkmale, die den vergangenen Glanz alter Zeiten wieder aufleben lassen. Diese Sehnsucht, die wir alle in uns tragen, für die wir aber oft keine Zeit haben: einfach hin zu fahren und sie auszuleben. Überhaupt: Das Leben zu leben und es nicht nur vergehen zu lassen.

Aber da ist noch viel mehr in Ulrike Herfelds Kunst: Eigene Assoziationen und Denkprozesse beim Betrachter sind erwünscht ebenso wie philosophische Fragestellungen über den dargestellten Moment hinaus – und vor allem Gespräche.

Dr. Ulrika Evers
18.10. 2005