Ulrich Lipp, Malerei:
Leidenschaftliches Rot trifft beruhigendes Grün, Blau feiert Gelb

Ulrich Lipps Bilder sind ganz aus Farbe aufgebaut, im Malgestus ganz unterschiedlich, mal pointillistisch hingetupft, mal expressionistisch aufgebaut als mehr oder weniger große Farbfelder wie es Emil Nolde oder Alexander Jawlensky in ihren Farblandschaften schon vormachten, schnell, heftig, gestisch, so dass oft ein flirrender, aufgelöster Bildgrund entsteht, der durch das Auge des Betrachters wieder zu einem Ganzen zusammen gesetzt wird.

Ulrich Lipps Bilder erinnern sehr oft an Landschaften oder Blumenstilleben, obwohl der Künstler dies in den wenigsten Fällen beabsichtigt hat. Seine Arbeiten entstehen nach kleinen Farbskizzen etwa DIN A 6 auf einem Skizzenblock in Ölpastell, allerdings nicht in der Natur, sondern aus der Erinnerung, aus dem, was mit dem inneren Auge zu sehen ist.  Die „Wirklichkeit“, die er uns zeigt und die wir zu sehen meinen, ist nicht wirklich die Wirklichkeit, sondern eine Befindlichkeit, eine Gestimmtheit, die bei jedem Menschen anders ausfällt und die nur auf Verabredungen beruht, die wir miteinander zum besseren Verständnis aushandeln.

In manchen Bildern beschreibt der Künstler ganz bewusst eine nachvollziehbare, „gegenständliche“ Landschaft, auch Blumenstücke – Tulpen, Anemonen (Bild 21), in anderen geht es nicht mehr um Gegenständlichkeit. Aber immer darf der Betrachter seine Assoziationen behalten, weil er den gegenständlichen Malanlass noch erahnen kann. In anderen Arbeiten allerdings löst sich Ulrich Lipp vollkommen vom Gegenstand. Da geht es nur noch um Farbe und deren Gestimmtheit, um symbolische, kulturelle und psychologische Werte der Farbe. Bild 17 z.B. ist durch und durch eine abstrakte Farbstudie, aufgebaut aus in sich gebrochenen, skalierten Farbflächen. Trotzdem liest der Betrachter: blauer Himmel, reifes Kornfeld (Gelb überwiegt), grüner Rain, Mohnblumen – ein Sommerbild, das Sehnsüchte weckt. Und noch ein Sommerbild (Nr. 7), ein Mohnblumenfeld, vor Hitze flirrend durch Farbe und den heftig- flirrend hingesetzten, kurzen Strich. Auch Nr. 9 zeigt uns den Sommer, ein „himmelblauer“ Himmel und eine Wasserlandschaft mit Mohnfeld und grünen Auen, aber Nr. 10 ist nur noch loderndes Feuer, zentrierte, brennende Leidenschaft. Bild 8 zeigt uns eine noldesche Landschaft mit dräuend rot-schwarzem Gewitterhimmel, dunkel- und hellgrünen/grün-blauen/grüngelben Hügeln und gelb- orangem, reifem Feld, dramatisch, leidenschaftlich aufgewühlt, auch gleichzusetzen mit einer Seelenlandschaft im Gefühlsaufruhr. Und so lässt sich jedes Bild von Ulrich Lipp lesen.

Wer Augen hat zu sehen und dazu Vorstellungskraft und Fantasie, dem erzählen die Bilder Geschichten, obwohl Ulrich Lipp auf Titel vollständig verzichtet. Geschichten von loderndem Feuer und lodernder Liebe, von Begehren und Auflehnung, von Helligkeit, auf die Schatten folgt, von Waldlichtungen, Kornfeldern, Feldrainen, von Gras, Wasserlilien, einem Mohnfeld mitten im dunkelgrünen Wald, von rot dräuendem Himmel, leuchtend goldenen Sonnenstrahlen, die durch das Gewirr dunkelgrüner Zweige schimmern. Bilder, in deren Anblick versunken wir uns wegträumen dürfen in angenehme Seelenzustände.

Die Psychologie der Farbe spielt bei Ulrich Lipp eine wichtige Rolle, die auf die Befindlichkeit des Betrachters trifft. Farben sind aber immer zwiespältig zu sehen, denn das, was der Betrachter mit einer Farbe verbindet, kann sehr unterschiedlich sein. Wenn Rot meine Lieblingsfarbe ist, nehmen mich seine roten Bilder gefangen. Rot als Synonym von Blut und Lebenskraft, Liebe und Sexualität, Dynamik, Energie, Aktivität, Impulsivität, Wärme und göttlichem Feuer. Rot als Farbe aller Leidenschaften, aller Gefühle, die das Blut in Wallung bringen. Rot gibt Kraft, Stärke. Wenn Rot jedoch für den Betrachter Schmerz,  Leid, Wut, Zorn oder sogar Hass bedeutet, wenn der Betrachter „rot sieht“, wird er mit Rückzug reagieren und die roten Bilder als zu bedrängend empfinden. Immer wird der Mensch so zwiespältig auf eine Farbe reagieren, denn immer kommt es auf den Zusammenhang, den Hintergrund, die Kombination der Farben an.

Lipps häufig gewähltes Gelb symbolisiert Sonne, Licht, Energie, Reife, Helligkeit, Optimismus (Optimisten haben ein sonniges Gemüt), Erleuchtung, allerdings auch Neid, Eifersucht, Geiz, Egoismus, Lüge. Nach altem Glauben sitzt der Ärger in der Galle: wer sich viel ärgert, wird gallenkrank, die Haut wird gelb. Bei Gelb denkt man  auch an Saures, an Zitronen, Galle. Gelb ist eine Warnfarbe. Wenn in einer mittelalterlichen Stadt die gelbe Fahne gehisst wurde, war die Pest ausgebrochen, auf einem Schiff bedeutet sie noch heute den Ausbruch einer Seuche. Fußballer kriegen die „gelbe Karte“ zur Verwarnung. In Asien ist Gelb die Farbe der Glückseligkeit, der Harmonie, der höchsten Kultur, des Kaisers. Die Nuancen in der allgemeinen Farbcharakterisierung spiegeln sich auch in Ulrich Lipps Bildern wieder:

Blutrot, erdbeerrot, kardinalrot, ochsenblutrot, rosenrot, rostrot, tizianrot, rubinrot;

bernsteinfarben, buttergelb, honiggelb, limonengelb, maisgelb, sonnenblumengelb, vanillegelb, strohgelb;

Aquamarinblau, enzianblau, himmelblau, kornblumenblau, taubenblau, veilchenblau;

Apfelgrün, blattgrün, jadegrün, meergrün, tannengrün; usw.

Wichtig für ihre Wirkung ist auch, wie die Farben in den Bildern zueinander gesetzt sind. Es wird deutlich, dass die Vorlieben, die man bei Ulrich Lipps Bildern entwickelt, sehr viel auch über die eigene Befindlichkeit verraten. Nicht umsonst hat Max Lüscher schon 1948 die „Psychologie der Farben“ für seinen „Lüscher-Farbtest“ 1971 benutzt.

Der Malgrund ist eine weiß grundierte, also neutrale Leinwand in menschlichem Maß, d.h., Ulrich Lipp hat die im Kunstbetrieb beliebte Gigantonomie nicht nötig, seine eigenen Körpermaße sind bestimmend. Es sind Bilder, mit denen man leben, sich umgeben kann.

Der neutrale Hintergrund ist mehr oder weniger zugemalt. Je mehr weißer Grund stehen bleibt, um so leichter, dezenter, zurückhaltender, schwebender werden die Bilder. Dafür sind in anderen Bildern die Farben verdichtet, in flammenden, aber fast ausnahmslosen warmen  Farben, die Farbe rot z.B. lodernd, aber das ausgleichende Grün folgt auf dem Fuße. Die Farben wählt Ulrich Lipp zumeist aus einer Farbskala, z.B. ultramarin, primärblau, preußischblau, lilablau, rotblau, Farben, die sich bei der Betrachtung miteinander mischen zu einem Farbklang, rythmisierend, auf und abschwellend in Helligkeit und Dunkelheit. Genau dadurch entsteht eine große Stimmigkeit. Die Farben sind strahlend, durch Terpentinverdünnung der Ölfarbe werden sie an einigen Stellen leicht und durchscheinend, an anderen entstehen komplexe Mischungen durch Übermalungen. Durch die Komplementärkontraste bleibt das Auge in Bewegung, durch lange, eilig hingesetzte Striche, deren farbliche Entsprechung das Auge sucht und die vom Künstler wie selbstverständlich an die richtige Stelle im Bild gesetzt sind. Das Auge muss in Bewegung bleiben, der Blick bleibt beschäftigt. Durch die bewusst gesetzten Komplementärkontraste entstehen Ausgewogenheit und Balance, die an Yin und Yang erinnern.

Der vom Künstler selbst angefertigte einfache goldene Rahmen, unter dem noch ein Rot oder Braun oder Schwarz hindurch schimmert, gibt dem Bild Abschluss, Festigkeit und Halt.

Diese Bilder spiegeln vor allem die immense Lebensfreude, aber auch die innere Balance, seine Ausgewogenheit des Künstlers wider. Nur selten ist mir bisher so sehr eine Einheit von Künstler und Leben untergekommen wie bei Ulrich Lipp. Seit vielen Jahren gibt er zusammen mit seiner Frau Rosmarie, einer Psychotherapeutin, humanistische und spirituelle Therapiekurse, in der mentale und emotionale Fragen bearbeitet werden, die zum tieferen Menschsein führen. Und er lebt in einer wunderbaren Hügel-  und Waldlandschaft, die innere Stille und Konzentration ermöglicht. Die menschlichen wie auch die Natur- Erfahrungen sind es, die Ulrich Lipp, den ich noch aus seiner Kölner Zeit in den 80ern kenne, seit nunmehr über 20 Jahren beflügeln. Seine Bilder sind ein Gegenpol zu der lärmenden, aufdringlichen Welt „da draußen“, der Welt der Events und den Schreien nach immer neuen Kunstereignissen.

Lipps Bilder sind einfach schön und wohltuend, stärkend für einen anstrengenden Alltag, aber deshalb trotzdem nicht einfach.

 

Ulrich Lipp bewältigt malend, womit sich alle Menschen mehr oder weniger, bewusst oder unbewusst, beschäftigen, um für ihr Leben zu einem Schluss zu kommen, um den Ausgleich der Gegensätze, um die Zusammenfügung von Yin und Yang, damit der Mensch zur Ruhe kommt. Dieser Prozess ist befriedigend im wirklichen Leben wie in der Malerei nur schwer zu erreichen und bedeutet ständige Weiterentwicklung im spirituellen und geistigen Sinne. Darum malt Ulrich Lipp immer wieder ein neues Bild, seit mehr als 20 Jahren mit demselben Thema beschäftigt, und doch immer wieder anders. Und so müsste – angeregt durch diese Art der Malerei - jeder Mensch sein Thema finden, in dem, was seine Begabung ist, sei es Kunst, Mathematik, Pädagogik oder was auch immer, um sich zu vollenden.

Dr. Ulrika Evers
Kreismuseum Peine
28.12. 2004

Wertvolle Anregungen aus: Eva Heller, Wie Farben wirken, Reinbek b. Hamburg 2004 (dort auch weitere Literatur)