Yuri Okamoto 
Arbeiten aus Japanpapier

geb. 1944 in Dairen, Mandschurei. 1965-67 Studium der Geisteswissenschaften an der Universität Waseda / Tokio und der Russischen Philologie an der Universität Leningrad. Dort 1973 Sprachdiplom. Seit 1977 in Paris, erste Beschäftigung mit Kunst. Arbeit als Reiseführerin für ihre Landsleute. 1981 Geburt ihres Sohnes. 1982 erste Ausstellung mit Papierarbeiten (”Miniaturwelt”). Zahlreiche Ausstellungen vor allem in Paris-Bastille, 1987 in Sollentuna / Schweden, aber auch 1988 und 1990 im Keramik-Atelier Ute Best in Peine-Vöhrum anläßlich der japanischen Woche in Peine und 1997 im Kreismuseum Peine (”Peine-Pattensen-Paris, 9 Pariser Künstler in Peine”). 1989, 1990 und 1999 Ausstellungen in Tokio und Osaka, u. a.

Einzelausstellungen

1984
"Erzählungen aus Papier", Aulus / Pyrenäen
1985
"Erzählungen aus Japanpapier", Espace Japon / Japan-Raum, Paris
1987
"Sagor i paper", Sollentuna / Schweden
1988 und '90
"Miniaturen aus Papier", Japanisches Wochenende in Peine, Vöhrum-Haus
1993
Bank von Tokio, Paris
1994
"Kreationen aus Papier", Atelier 1 & 1, Paris
1995
"Arbeiten aus Papier", Rueil-Malmaison und Paris, UFB Locabail

1996

"Bildkästen und anderes, Kreationen aus Japanpapier", Kreismuseum Peine

Gruppenausstellungen

1983
"Die Welt des Papiers",  Espace Japon / Japan-Raum, Paris
 Festival "Erzähler im Land von Aulus", Aulus / Pyrenäen
1985
"Papier", Yerre
1988 und '96
"Biennale NAC", Orly
 "Vor-Premiere ,89", Grande Halle de la Vilette, Paris
1988 und '90
"Hands Grand Prix", Tokio
 "Blau-Weiß-Rot", Arcueil
1991
"10. Geburtstag von NAC", UNESCO-Palais, Paris
 "Arbeiten aus Papier", Brest
1993
"Japan gestern und heute", Village St. Paul, Paris
1995
"Genie der Bastille", Paris-Bastille
1993
"Künstler der Bastille", Galerie Karen Gulden, Paris-Bastille
1994
"Peine-Pattensen-Paris, 9 Pariser Künstler in Peine, Kreismuseum Peine
1997 und '90
"5 in 21", Paris-Bastille
1998
"Le 18", Ausstellung zeitgenössischer Kunst, Montville
1999
"Hands Grand Prix", Tokio und Osaka
2000/2001
"Bildkästen und Arbeiten aus Japanpapier", Kreismuseum Peine

Die Konstruktion des japanischen Pavillons auf der Expo 2000 in Hannover bestand ganz aus Papier und Pappe. Auch Yuri Okamoto ist bekannt für ihre Arbeiten ganz aus Japanpapier: für ihre erzählenden Miniaturen mit Figuren, kleine Kästen von oft komplexer Struktur, die ganze Geschichten erzählen. Ursprünglich entstanden aus der japanischen Verpackungstechnik des Origami und erfunden, um ihrem kleinen Sohn die japanische Welt seiner Mutter in Alltagsszenen aus Papier näher zu bringen, sozusagen als dreidimensionales Bilderbuch. Sie bilden das Universum nach und erfreuen nicht nur Kinder.

Kreismuseum Peine, November 2000 bis Januar 2001
Yuri Okamoto , Bildkästen und anderes - Arbeiten aus Japanpapier
Das Vogelnest
Für Povl

Ich folgte meinem Lebensgefährten nach Paris, der gerade dabei war, sich dort niederzulassen. Wir befanden uns in einer besonders schwierigen Situation. Wie ich auf den ersten Blick feststellte, handelte es sich um einen ganz kleinen Käfig in dieser Hauptstadt, in den wir uns eingequetscht fühlten: unsere erste Wohnung in Paris, ein Appartement mit zwei winzigen Zimmern, in der 7. Etage, unter dem Dach. Es hatte kaum Luft, um es zu bewohnen, aber wir waren zufrieden, es als Schutzhütte zu haben. Dann, als sich unsere Existenzprobleme nach und nach lösten, in der Weise, dass die Perspektive einer definitiven Niederlassung Form annahm, kümmerten wir uns darum, unsere Wohnung zu verbessern. Nach und nach, als das Appartement im folgenden nach unserem Geschmack den Namen ”Wohnung” verdiente, entwickelte sich aus dieser Wohnform ein gewisser Charme. Aber die Verwandlung bliebe unverständlich, wenn man den essentiellen Beitrag unseres alten Freundes Povl vergäße. Er kam tatsächlich eines Tages und installierte in unseren Zimmern ein Hochbett. Ich war sofort begeistert: Es erinnerte mich an ein Vogelnest. In jener Zeit, in der ich mich gegenüber den Schwierigkeiten, die unsere bescheidene Existenz bedrohten, oft hilflos fühlte, lieferte ich mich an ein manchmal narzisstisches oder mehr noch sentimentales Gedankenspiel aus. Es gefiel mir ganz besonders, mir uns in unserer Wohnung als zwei unglückliche, aneinander gekettete Vögel vorzustellen, die für den großen Flug lebten, den sie eines Tages unternehmen würden. So rief das von Povl direkt unter der Decke konstruierte Bett nicht nur die späteren Transformationen hervor, sondern, mehr noch, es erregte wunderbarerweise meine Fantasie: jeden Morgen, beim Einsammeln der Bettfedern, die auf die Kissen gefallen waren, stellte ich mir vor, sie seien von unseren eigenen Körpern. Oder, noch besser, als ich, kaum aufgewacht, den Frühlingshimmel gegenüber dem Fenster bewunderte, empfand ich eine Art von Nostalgie für die Weite des Himmels in einem Moment, in dem mich die Ereignisse auf Erden mehr und mehr gleichgültig ließen. Seitdem ist viel Wasser den Bach herunter geflossen, das viele Veränderungen in unser Leben brachte. Indessen wohnen wir immer noch im gleichen Appartement. Das Vogelnest befindet sich am gleichen Ort. Aber dieses Zimmer haben wir ganz einem neuen Vögelchen überlassen, mit dem wir unser Leben teilen. Es ist in seinem Zimmer gut aufgehoben, ohne seine Geschichte zu kennen. Und was ist aus unserem Flug-Projekt geworden? Ja, eines Tages sind wir aufgebrochen. Und nun fliegen wir, fliegen wir, ohne Atempause. Aber das ist weit entfernt von dem, was ich im Nest träumte.

Ich wollte in diesem Kasten, den ich Povl und vielen anderen Freunden widme, die unser Appartement verschönerten, einen nostalgischen Abschnitt meines Lebens konservieren: oder sehr viel allgemeiner, unseres Lebens. Ich dachte auch daran, meinem kleinen Vögelchen diesen Kasten in dem Moment anzubieten, in dem er sich für den Ursprung seines eigenen Lebens anfinge zu interessieren.

Yuri Okamoto (Übersetzung Dr. Ulrika Evers)