Mehr müsste zu den Bildern von Victor Kraus gar nicht gesagt werden. Der Maler ist gleichzeitig auch ein Dichter – wie man es öfter in der Bildenden Kunst findet. Victor Kraus will diesen Teil seiner Kreativität hier nicht überbewerten oder betonen. Aber seine Gedichte sind so schwebend leicht und sinnlich, dabei so tiefgründig und rätselhaft wie seine Malerei. Ich sehe da eine direkte Parallele.
So könnte man auf die Idee kommen, in die Bilder mehr hinein zu geheimnissen, als der Künstler wirklich meint. Titel sind für ihn nicht zwingend, eher als Zuordnung gedacht, doch man darf sich immer seine eigene Geschichte zusammen reimen, das ist ihm eh am liebsten. Er möchte der Fantasie nichts vorgeben, ist nur manchmal erstaunt, was andere interpretieren.
Kunst zu betrachten und sich ehrlich darüber zu äußern ist immer eine Selbstreflexion, - natürlich ist es hilfreich, wenn man ein wenig von der Kunst kennt im Sinne von „Blättern bildet“ oder „Reisen bildet“. Doch nicht unbedingt, denn die Bilder von Victor Kraus sind nicht abweisend spröde. Die meisten erschließen sich auf Anhieb und lassen so den Zugang zu den komplexeren Werken zu.
Den Titel der Ausstellung mag man programmatisch nehmen: „Frühe Räume – Neues Land“, Stilleben und Landschaftsbilder aus Victor Kraus' bayrischer Heimat. Neu sind vor allem die Landschaften, die ihn jetzt nach den Stilleben interessieren, da er wieder auf dem Land und nicht nur in München wohnt.
Als erstes zu nennen die beiden riesigen Leinwände mit Winterlandschaften. Sie sind in ihren melancholischen Grauabstufungen so atmosphärisch-dicht, dass man sich direkt in sie hineinversetzt fühlt, verstärkt noch durch die riesigen Formate. Man steht sozusagen mittendrin, so dass man sich in ihnen verlieren kann. Die Zeit scheint still zu stehen. Die Bilder sind farblich delikat und verstörend schön: Das ist in der heutigen Kunstszene nicht unbedingt angesagt. Daher betreibt Victor Kraus
gekonnt die Zerstörung der Betrachter-Illusion.
Das Bild „Mein Land“, sein Bayern, zeigt einen baumbestandenen See mit einer Berglandschaft und einem Schornstein mit senkrecht aufsteigender Dampfsäule. Oben im Ausstellungsraum hängt „Winter“, eine typische, verschneite Alpenlandschaft im Vordergrund und einem Skilift im Hintergrund mit schwarzen Tannen und einem winterlichen blau-weißen Wolkenhimmel, so impressionistisch, das man den Schnee, der in der Luft hängt, zu riechen meint.
Impressionistisch sind diese Bilder, dem Augenblick verhaftet, wie es seinerzeit die Impressionisten forderten, und perspektivisch so total raumgreifend, dass der Blick immer tiefer ins Bild vordringt, je weiter man Abstand nimmt. Die Tiefenräumlichkeit kommt durch einen Prozess des Übermalens zustande. Victor Kraus übermalt lasierend immer wieder andere, zuerst aufgetragene Farben, bis das Bild „fertig“ ist. Aus Grauwerten in feinsten Abstufungen eines Winternachmittages entsteht die melancholische Stimmung dieser Bilder.
Daran merkt man schon, dass der Künstler eben nicht nur am impressionistischen Blick interessiert ist, sondern an der malerischen Verfremdung, einer Reflexion über Malerei und über das, was sie kann: Uns eine Wirklichkeit und Räumlichkeit vorgaukeln, die doch nur zweidimensional ist – hier erkennt man auch, wie hervorragend Victor Kraus sein Handwerk beherrscht. Aber er wäre eben nur ein Handwerker, wenn er nicht darüber hinaus ginge.
Er will dem Betrachter seinen schnellen Schaffensprozess mit dem „tropfenden Pinsel“ nicht vorenthalten, seine schnelle, „heftige Malerei“, daran zu erkennen, dass die Farbe noch in Schlieren abtropft und illusionszerstörend in die gemalte Landschaft verläuft. Gestus und Dynamik sind nachvollziehbar, scheinen sich im Hintergrund der Leinwand abzuspielen.
Ganz bewusst ist zudem eine Verfremdung durch aufgesetzte, rotbraune, schwarze und ockerfarbene Quadrate oder Rechtecke erreicht. Man stutzt, muss zweimal hingucken. Plötzlich fühlt man sich an denkmalpflegerische Maßnahmen erinnert, wenn alte Farbspuren auf einer Wand dokumentiert werden oder als habe man bei einer Restaurierung des Bildes bröckelnde Farbe fixieren müssen.
Das fällt vielleicht nur der Kunsthistorikerin ein, vielleicht eher unbewusst
finden solche Wahrnehmungen ihren Niederschlag im Kopf des Künstlers, zumal er in einer ausgebauten, denkmalwerten Fachwerkscheune sein Atelier hat. Doch hier geht es eher um philosophische Grundfragen der Malerei, über die es zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen gibt. Einen Denkprozess in Bewegung zu setzen, ist Victor Kraus wichtig, auch, wenn er sich natürlich wie jeder Künstler darüber freut, wenn man in der Schönheit seiner Bilder schwelgt.
Von 2008 ist „Raining Rice und Flowers“, das Motiv der Einladungskarte: Drei Blumenvasen nebeneinander, in ihrem Format beschnitten, gefüllt mit verschiedenfarbigen, unterschiedlichen Blumen und eine Schale, in die es von oben Reis regnet, eingebettet in einen dunkelrot glühenden Farbraum. Die Standfläche ist nur angedeutet, den Raum erahnt man eher. Er könnte auch einem action painting entstammen, in dem die Schnelligkeit des Arbeitens in der lasierenden Übermalung ablesbar bleibt.
Eine atmosphärisch sehr dichte Arbeit ist „Iris II“ von 2007. Die Gruppe der weißen Iris mit dünnen hellgrünen Stängeln, an denen noch die Zwiebeln hängen, sind vor eine warme, rot-braun-orangefarbige Wand gesetzt. Die Senkrechten überwiegen, aufgebrochen nur durch die kleine Waagerechte der Blüten. Sie hängen im luftleeren Raum, waren „nur“ der Malanlass, um schönste Farbnuancen auf die Leinwand zu bannen. Die Malerei geht hier über ihre beschreibende Bedeutung weit hinaus und berührt die Empfindsamkeit des Beschauers unmittelbar, seine Wahrnehmung, sein Gemüt, - gaukelt ihm Frühlingssehnsucht vor. Die Malerei gibt hier nicht wirklich etwas Materielles wider, sondern die menschliche Empfindung, betont durch die Sensibilität der Farbwahl.
Die Seerosen in „This second of presence” von 2008 haben wie dieWinterlandschaften einen impressionistischen Ansatz. Der Titel spielt auf die Impressionisten an, die schöne Momente des Lichts, einen kurzen, flüchtigen Eindruck im Bild festhalten wollten. Und natürlich auf Claude Monets berühmte „Seerosen-Serie“. Die weißen Seerosen leuchten in einem überirdischen Licht. Die Changierung des Wassers in den vielen Grüntönen zeigt die große Subtilität in der Farbgebung, ein fließender Übergang zwischen abstraktem action painting und Gegenständlichkeit. Das Sujet als solches spielt eher eine untergeordnete Rolle, war nur ein Malanlass.
In vielen seiner Stilleben beschäftigt sich Victor Kraus, Jg. 1954, mit der Ästhetik der 50er Jahre, vielleicht als ein Rückgriff auf seine Kindheit, vor allem aber als eine Reflexion auf die Stilleben von Henri Matisse, Paul Cézanne oder Pablo Picasso, jetzt aber mit dem Wissen über Malerei des 21. Jahrhunderts.
Im Bild „Pablo's Room“ mit dem Gitarrenzitat und dem schräg ins Bild gesetzten „Cézanne-Tisch“ scheinen Landschaft, Interieur und Stilleben eine Synthese einzugehen. Ein Bild voller atmosphärischer, winterlicher Grauwerte, in dem die farbigen Früchte Aufmunterung versprechen. Beim Hintergrund weiß man nicht, ob es sich um einen Fensterausblick in eine winterliche Landschaft oder nur um einen Blick auf den Fußboden mit grau-weiß gewischter Wand handelt. Diese Verwirrung wird noch durch die kompositorische Verdichtung des Liniengerüsts von Schrägen, Waage- und Senkrechten verstärkt. Man wird wieder auf die Flächigkeit des Bildrechtecks zurückgeworfen.
Im Bild „Außen nach Innen“ von 2007 (im Foyer des Museums im Eingang) ist alles enthalten: Ein Innenraum in einem warmen Rotbraun, Stilleben (Vasen mit und ohne Blumen) und melancholisch-graue Winterlandschaften. Aufgebaut ist es aus geometrisch gegeneinander versetzte, farbig aufgebrochene Flächen, die wie collagiert wirken, – ein häufig wiederkehrendes Konstruktionsprinzip in Victor Kraus' Arbeit, die durch die ständigen Übermalungen bei der Betrachtung vor- und zurückspringen. So entsteht Räumlichkeit. Es ist ein Bild voller Rätsel, denn man weiß nicht genau, welchen Standort man einnehmen soll.
Eigentlich möchte man „innen“ sein, eingekuschelt in diesem angenehmen Rotbraun-Interieur aus dem Fenster in die graue Winterwirklichkeit blicken. Sehnsüchtig in Frühlingserwartung hat man sich ein paar Blumen zur Aufheiterung gekauft...
Aber irgendwie funktioniert das nicht. Die Rechtecke, aus denen sich die gemalte Umwelt zusammen setzt, springen vor und zurück, von „außen nach innen“. „Außen“ ist die zuletzt gemalte Schicht. Es bleibt weiterhin rätselhaft: Sind die Winterlandschaften Fensterausblicke oder nur Gemälde auf der rotbraunen Wand? Unsere Wahrnehmung seziert das Bild in Einzelbereiche, die wir in unserem Gehirn gewohnterweise zur „Wirklichkeit“ zusammensetzen. Aber was ist Wirklichkeit? Die Welt ist niemals eindeutig, das, was wir sehen, sieht ein anderer ganz anders. Um solche Probleme kreist die Malerei im 20. und 21. Jahrhundert, und die von Victor Kraus besonders.
Vielleicht wird verständlich, dass diese schönen, ausgewogenen Arbeiten Ergebnisse tiefgreifender malerischer Überlegungen sind, eine ästhetische Gleichung, die aufgehen muss – bei der Farbgebung wie bei der Komposition. Victor Kraus' Bilder machen, dass man über Wirklichkeit, Räumlichkeit, Farbwerte und Farbstimmungen nachdenkt und was sie in einem auslösen. So setzt er einen Prozess der Selbstreflexion in Gang. Wenn man will...
Dazu ist Kunst eigentlich da.
Dr. Ulrika Evers
Kreismuseum Peine
23.1. 2009
